15. November 2009

Volkstrauertag auf der Schillerhöhe in Aalen

Gedenkansprache von Roderich Kiesewetter MdB während der Veranstaltung der Stadtverwaltung Aalen zum Volkstrauertag auf der Schillerhöhe.
Roderich Kiesewetter während des Gedenkansprache. Bild mit freundlicher Genehmigung aaleninfo.de, Dieter Geissbauer.

Gedenkansprache von Roderich Kiesewetter MdB während der Veranstaltung der Stadtverwaltung Aalen zum Volkstrauertag auf der Schillerhöhe.Wir haben uns heute versammelt, um der Kriegstoten beider Weltkriege und vieler anderer Kämpfe und der Opfer der Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen zu gedenken. Der Opfer von Völkermord, Krieg, Flucht und Vertreibung, der Zivilisten, die bei Bombardierungen und auf der Flucht ihr Leben verloren. Und wir erinnern an Menschen, die wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres Glaubens oder ihrer politischen Überzeugung ermordet wurden.1919 schlug der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge einen Gedenktag für die Gefallenen des WK I vor, 1922 fand eine erste Gedenkstunde im Reichstag statt, 1926 wurde der Trauertag am Sonntag Reminiscere vor Ostern eingeführt. Aber nicht als gesetzlicher Feiertag. Von 1933 bis 1945 stand nicht die Trauer im Mittelpunkt, sondern die Volkstrauer wurde als Heldengedenken missbraucht und von der nationalsozialistischen Propaganda und Diktatur instrumentalisiert.So, wie wir den Volkstrauertag kennen und ehren, kennen wir ihn erst seit 1952.Welche Bedeutung hat dieser Tag für uns heute?Heute, 65 Jahre nach Ende des WK II reichen wir uns über den Gräbern die Hände zur Versöhnung. In den Gräbern liegen die Gefallenen nach Nationen getrennt. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist dabei, zurzeit in Russland, die gemeinsame Bestattung von Kriegstoten gleich welcher Nation in gemeinsamen Friedhöfen zu erreichen.Denn die Trauer um ihre Toten vereint die Völker und Familien. Sind die Toten nicht gleicherweise Opfer eines Wahns, der in dem fürchterlichen WK II sein Ende noch nicht gefunden hat?Ein Gedanke, den auch Helmut Schmidt diese Woche ins Gespräch gebracht hat. Es gibt bislang nur einen einzigen Friedhof auf der Welt, auf dem aller Opfer des Krieges gemeinsam gedacht wird, die in jener Gegend zu Tode gekommen sind, tote Soldaten und zivile Opfer gleichermaßen, ehemalige Feinde und ehemalige Freunde, dieser Ort des Gedächtnisses liegt auf der südlichen Spitze der Insel Okinawa und gibt der Welt von heute ein Beispiel.Seit dem Ende des WK II mit seinen über 60 Mio Opfern gibt es immer noch Kriege, Kriege zwischen Völkern und Staaten und Bürgerkriege. Es gibt „kriegsähnliche Zustände”, die sich bis hierher zu uns auswirken. Und es gibt Länder mit sehr ungewissen Lagen, wo sich unsere Soldaten, Polizisten, zivile Aufbau- und Katastrophenhelfer im Auftrag unseres Bundestages oder im Rahmen ihrer Organisation engagieren.Deutschland hat heute 8300 Soldaten weltweit in neun Missionen der UNO, NATO und EU im Einsatz, dazu viele hundert Polizisten und zivile Entwicklungs-, Aufbau- und Katastrophenhelfer. Sie tun dies im Bewusstsein für eine gute Sache, im Einsatz für Demokratie, Frieden und Völkerverständigung.Deswegen brauchen wir eine wachsamen Bürgersinn und ein aufmerksames Parlament, um solche Einsätze zum Wohle der Völkergemeinschaft in der UNO und unserer Bevölkerung zu leisten.Die aktuelle Diskussion um Afghanistan zeigt das. Unsere Politik und unsere Soldaten leisten Außergewöhnliches, um zu vermeiden, dass wir dort von einem Krieg reden müssen. Und es ist eine ganz wichtige und ausgesprochen schwierige Aufgabe zu verhindern, dass die inzwischen offen angesprochenen „kriegsähnlichen Zustände” zur Regel und selbstverständlich werden.Wir sind uns bewusst, ein Volkstrauertag ist ein wichtiger Beitrag zur Völkerverständigung und zur Vergangenheitsbewältigung. Der Schriftsteller Martin Kessel stellte einmal fest, „Der Krieg hat einen langen Arm ”“ noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer”. Vielleicht hat Kessel damit sogar das Schlimmste am Krieg genannt: Er ist nicht einmal dann vorbei, wenn die Waffen schweigen und Friede geschlossen ist.Der Krieg hat einen langen Arm. Er trifft nicht nur an den Fronten, sondern auch weit hinten im Hinterland. Er sucht die Menschen, die ihn erlebten, noch Jahre, noch Jahrzehnte später heim. Der Krieg kennt kein Entkommen. Erst seit wenigen Jahren sprechen wir offen von den Traumatisierungen.Bis heute werden Gefallene aus dem WK II geborgen und identifiziert. Bis heute erhalten Angehörige so lange ersehnte Auskunft über das bisher ungewisse Schicksal ihrer Lieben.Ich danke deshalb an dieser Stelle dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge für sein so wichtiges, fleißiges und selbstloses Engagement, um die Erinnerung und Mahnung an Unseliges aufrecht zu erhalten.Und ich danke allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die für die Kriegsgräberfürsorge spenden und damit mahnendes Gedenken wach halten für uns heute und unsere Kinder.Die Opferzahlen der Kriege sind ungeheuer hoch, ich nenne sie hier nicht. Hinter jedem Kreuz und jedem Namen steht ein einzelner Mensch, der um seine Zukunft gebracht wurde. Erst wenn wir nach diesen Einzelnen fragen, begreifen wir das Leid, das Krieg bedeutet. Und jeder von uns kennt es aus Erzählungen der Familie oder aus eigener Anschauung. Vieles aus diesen Erzählungen und Schilderungen liegt unseren heutigen Lebensverhältnissen in Deutschland unendlich fern.Frieden und Freiheit sind heute selbstverständlich, dazu unser Glück, in freier Selbstbestimmung als Land vereint zu sein.Aber, allein 2008 wurden weltweit 16 größere Konflikte und Kriege ausgetragen, in anderen Regionen der Welt sind Krieg und Gewalt Alltag ”“ Tag für Tag werden Menschen in Kämpfen getötet oder verstümmelt, Tag für Tag müssen Menschen fliehen, weil in ihrem Land Krieg oder eine brutale Diktatur herrscht. Tag für Tag werden Menschen verfolgt oder verlieren ihre Nächsten.Das ist für uns alles weit weg ”“ oder nicht?Erst seit jüngster Zeit wird unserer Gesellschaft wieder bewusster, was Krieg heißt. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr haben die fernen Kriege näher an uns herangerückt. Vor allem, seit sich die Lage in Afghanistan zugespitzt hat und deutsche Soldaten am Hindukusch gefallen sind.Auch ihrer gedenken wir heute sowie aller anderen Opfer von Krieg und Gewalt, die ihr Leben oder Lebensgrundlagen in unserer Zeit verloren haben.Auch Aalen blieb nicht verschont. Ich erinnere zum Beispiel an den Bombenangriff auf den Bahnhof vom 17. April 1945 mit 52 zivilen Opfern, an die 646 Gefallenen aus Aalen in den seinerzeitigen Gemarkungsgrenzen. Ich erinnere auch an den 3. August 1944, wo beim Angriff auf die Dornier-Werke am Bodensee 22 Aalener Oberstufenschüler zwischen 15 und 18 Jahren als Luftwaffenhelfer starben als ihre Flak-Batterie einen Volltreffer erhält. Sie sind hier auf dem St. Johann-Friedhoff begraben. Die katholische Jugend Aalens trug als Zeichen stillen Protests weiße Hemden und schwarze Hosen statt der HJ-Uniform beim Begräbnis.Auch in Aalen gab es Zwangsarbeiterlager, fünf an der Zahl, wie das Stadtarchiv belegt mit über 1500 Menschen, die für örtliche Rüstungsbetriebe schufteten.Begreifen wir es als Geschenk, in Frieden und Freiheit zu leben und wie wichtig es ist, täglich neu dafür einzutreten. Gehen wir an die Ursachen von Krieg und Gewalt.Wir müssen deshalb wachsam sein und brauchen stets eine wahrhaftige Politik der Vorsicht und Behutsamkeit und zur Not der Wehrhaftigkeit. Es gilt, unsere Demokratie und unsere Werte zu hüten wie unseren Augapfel. Was bei uns wie selbstverständlich erscheint, ist es woanders noch lange nicht.Gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Anspannung sollten wir deshalb bedenken: Demokratie und Menschenrechte sind die Grundlage unseres Staates, hieraus kann sich eine erfolgreiche Wirtschaft entwickeln, aber nicht umgekehrt! Auch wenn die Zeiten schwieriger werden, dürfen wir niemals an den Schwierigkeiten verzweifeln. Und niemals an unseren Grundrechten, unserer Demokratie rütteln lassen, sie sind die Grundlage für unsere friedliche Gesellschaft und unsere Lehre aus unserer eigenen blutigen Geschichte.Ein letzter Gedanke, damit der lange Arm des Krieges nicht weiter reicht.Alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, hatten Eltern, Lebenspartner, auch Kinder, die sie beweinen, um sie trauern und ihrer gedenken bis heute.Wir bleiben wachsam, gehen achtsam mit unseren Mitmenschen und unseren Werten um. Das ist unser Weg für das 21. Jahrhundert.Wir schützen Toleranz und MenschenrechteWir leben mutig ZivilcourageWir verneigen uns vor den Opfern ”“ und gedenken in Stille.

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